Texte

Katalogtext - Auszug - zur Ausstellung „IMAGO MUNDI“ im Verein Berliner Künstler vom 28.02.-22.03.2020

von Christoph Tannert, Kurator und Künstlerischer Leiter im Künstlerhaus Bethanien

  "... IMAGO MUNDI lässt in fünf unterschiedlichen Ansätzen Modelle eines selbstreflexiv gewordenen Universalismus, die vielfältig mit Ereignissen der Kunst-und Wissenschaftsgeschichte verknüpft sind, erlebbar werden.

Die Künstler_innen formulieren bildkünstlerische Kategorien zum Reflektieren, und Kategorien brauchen Grenzen, damit wir unsere Wahrnehmung erfassen und verstehen können. Dabei wird deutlich, dass Grenzen sich unerwartet in Kontinuitäten verwandeln können und unser ganzes Leben ein langanhaltender Übergang ist,..."

  "... Ute Richter kommt von der abstrakten Malerei her. Ihr sensibles und schöpferisches Vokabular unter dem (von Erich Fromm geprägten) Begriff „Biophilia“ unterstreicht ihre „Liebe zum Lebendigen“, zum natürlichen Lebensraum, zur Mikrobiologie und zu kulturüberschneidenden Bewegungen. In ihrem Zyklus „ungezähmt“ steht der vitale Prozess der malerischen Überlagerung digital bearbeiteter Fotografien im Vordergrund – unter phänomenologischen und schließlich intentionalen Kriterien. Die digitalen Fotografien ihrer Serie „Kaleidoskop“ kombinieren organische Strukturen und technoid-künstliche Oberflächen, belegen die derzeitige Überlappung und Durchmischung von Erscheinungen und visualisieren die Vorgänge, in denen neue Einheiten und Wahrheiten gebildet werden...."

Text zur Ausstellung

  „Ich sah die Welt wie durch ein Kaleidoskop. Was eins war, zerfiel. Was verschieden war, gehörte in Wahrheit zusammen.“ Bov Bjerg, Serpentinen 

 

  Es gibt viele Wege, die Welt zu erkunden und zu verstehen, sich ein „Bild der Welt“ zu machen. Immer stößt man auf die Schönheit der Schöpfung, ob im großen Ganzen, das heißt in den Weiten des Kosmos, oder im Kleinsten, in den Mikrostrukturen des Lebens. Was ich mit meiner Arbeit zum Ausdruck bringen möchte, lässt sich mit dem von Erich Fromm geprägten Begriff „Biophilie“ beschreiben. Er bedeutet soviel wie „Liebe zum Leben“ oder „Liebe zum Lebendigen“. Die Bilderreihe „ungezähmt“ experimentiert mit dem Gegensatz von adaptiertem Fotobildgrund und freier Malerei. Stark vergrößerte Fotografien von viralen Mikrostrukturen sind überlagert von begrenzenden Farbflächen und amorphen Farbströmen und stellen so einen neuen visuellen Kontext her. Als viral wird das Verhalten von Viren bezeichnet und im übertragenen Sinn Prozesse, die der Virenausbreitung ähneln. Viren, so wird vermutet, entstanden noch vor der ersten Zelle in jener chemischen „Ursuppe“, die auch die primitivsten Lebensformen hervorgebracht hat, und sind ein Überbleibsel der Prä-DNAWelt.

Text zur Ausstellung „#diehälftederwelt“, UPDATE 2019, Verein Berliner Künstler

 

      frau 

     

      (frei nach Eugen Gomringer)

 

      frau
      frau und spiegel

      spiegel
      spiegel und selfie

      frau
      frau und selfie

      frau und spiegel und selfie und
      kein bewunderer

 

 

Text zur Ausstellung „der fragile mikrokosmos ist vor scham aus den fugen geraten“, Winterausstellung 2018, Verein Berliner Künstler

 

  In meinen Aquarellen von 2017 / 2018 geht es um verborgene, subkutane, also unter der Haut befindliche, Landschaften. Es sind anatomische Ortsbeschreibungen, die sich auf imaginäre Strukturen und Gewebe beziehen. Sie vereinigen Dualitäten von zarten Häuten – festen Wirbelkörpern, weichen Blasen - harten Kanten, also Strukturen, die zugleich Gehäuse und Füllung sein können.

 

 

Text zur Ausstellung „Anders Wo“, Winterausstellung 2017, Verein Berliner Künstler

            

      Arkadien

     

      Sehnsucht nach dem Anderswo

      Italien im märkischen Sand

      Märchenland

 

      Marmorpilaster

      Entrissen der Herkunft

      Verpflanzt an fremden Ort

      Räuberland

 

      Licht des Nordens wird südlicher Himmel

      Marmor des Südens wie fallendes Laub

      Räuberwald

 

 

 

 

 

Katalogtext zur Ausstellung „WERTE_GEMEINSCHAFT“ in der Galerie Schwartzsche Villa, Ausstellung vom 21. März bis 11. Juni 2017

  Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe mit der "Wende" von 1989/90 den Zusammenbruch eines für unerschütterlich gehaltenen Wertesystems erlebt. Das ging einher mit sehr persönlichen Infragestellungen, mit der Suche nach der eigenen Identität.

Auch wenn ich mich in der neuen, auf Freiheit und Demokratie beruhenden Wertegemeinschaft schnell zurechtfand und zu Hause fühlte, war ich doch sensibilisiert für die Fragilität und Relativität eines vermeintlich festgefügten Wertekanons. Diese Sensibilität fließt in mein künstlerisches Schaffen ein. Es ist geprägt von den Unsicherheiten und Gefährdungen unserer Zeit, von der Suche nach Gewissheiten.

Vieles, was in den Jahren nach dem Ende der DDR für mich neu gefestigt und gesichert schien, erfährt durch die immer beunruhigender werdende Weltlage und die aktuelle Flüchtlings- und Migrationskrise neue Erschütterung und Infragestellung. 

Meine Bilder zeigen Menschen in sich auflösendem, bedrohlichem, unsicherem Umfeld. Es sind Suchende, Orientierungslose, Hilfsbedürftige. Sie rühren an das Tiefste, das unsere europäische Zivilisation, unsere westliche Wertegemeinschaft ausmacht: Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Menschenwürde. In meinen Bildern spiegelt sich dreierlei: die bedrohliche Ungewissheit unserer Zeit, die Suche nach Orientierung und Wertegewissheit, nicht zuletzt meine Sehnsucht nach Menschlichkeit und Schutz in diesen unbehüteten Zeiten. 

 

  Ute Richter besitzt ein besonderes Sensorium für die Befindlichkeiten unserer Welt, denen sie in ihrer Kunst Ausdruck verleiht. Dabei scheint die Zeit in ihren neueren Bildern oft langsamer zu fließen als im wirklichen Leben, ja beinahe stillzustehen, oder in aller Wucht wie im Zeitraffer zusammenzuschmelzen, wie wir es aus Träumen und Erinnerungen kennen. Dies wird dadurch verstärkt, dass die Farben in verschiedenen Flüssigkeitszuständen aufgetragen werden. Oft sind ihre Bildideen durch aktuelle Fotos angeregt, aus verschiedenen Bildschichten aufgebaut und lassen eine nicht mehr zu entschlüsselnde, spannungsvolle Gesamtkomposition entstehen. Überall verbergen sich Schatten und Abgründe wie Einsamkeit, Unheimliches, Gefahr, Angst, Verlorenheit, die unterschwellig wirksam sind.  

Ihren Bildern haftet etwas Existenzielles an, das im Einsatz der kontrastierenden Farben und in ständiger Formauflösung und Formwerdung spürbar wird.

                                             

                                                                   Hans-Dieter Speck

 

 

  Ute Richters Mitte der 2000-er Jahre entstandene Serie "Sandstimmen" ist geprägt von großformatiger, abstrakt-gestischer Malerei. Ölfarbe und Sand, in freier, expressiver Geste auf die Leinwand aufgetragen, bilden krustenartige Verdichtungen, in die Farbpigmente eingearbeitet werden. In diese Verdichtungen fährt die Malerin mit Pinsel, Spachtel und Händen, kratzt Spuren in den Farbgrund, zerfurcht die Oberflächenstruktur. So scheinen immer wieder überraschende Referenzen zum Malursprung auf. Die großen, ausholenden Formen, die poröse und transparente Farb- und Materialschichtung beschwören in ihrer Vitalität die kosmische Welt explodierender Gaswolken und Sternhaufen herauf. Das macht die Faszination dieser Bilder aus, in deren Weite und Tiefe man sich zu verlieren scheint.

 

  Bei den neueren Arbeiten dienen Motive auf bemalter Leinwand als Grundmaterial für gefaltete, verdichtete Objekte. Die Motive sind malerisch abstrahierte Menschen- und Tieransammlungen, die sich in die Unschärfe von Farbflecken auflösen. Durch die Faltung der Leinwand verdichtet sich die Malfläche zu neuen, dreidimensionalen Farbcollagen. Lichteinfall und Schattenbildung verleihen diesen eine kubistische Expressivität, die die das Objekt einhegende, durch Schraubzwingen aufgepresste Plexiglasscheibe sprengen will. 

 

                                                                   Hans-Dieter Speck